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Pressestimme · 2021

Rettet die Disko! Broadway-Meisterwerk in Zürich. 2021

Rettet die Disko! Broadway-Meisterwerk in Zürich – Theater Synthese

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Über die Inszenierung

Rettet Flora

Jahr
2021
Quelle
Марина Охримовская, forall.swiss, 3 июля 2021
Original
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Russischer Artikel über die Inszenierung «Rettet Flora» von Neil Simon.

(Übersetzung aus dem Russischen — Originalsprache des Artikels)

IMMER EIN FEST

Theater ist immer ein Fest. Wenn aussergewöhnliche Umstände die Zeit in trübe Farben tauchen, wird dieses Fest besonders geschätzt. Neil Simon, der amerikanische Dramatiker und Autor von «Ein seltsames Paar», wusste das gut. Er wurde 1927 geboren, wuchs während der Weltwirtschaftskrise auf, erlebte den Zweiten Weltkrieg und vieles mehr und starb friedlich im Alter von 91 Jahren. Seine Werke aber erfreuen sich weiterhin bester Gesundheit – darunter auch «Ein seltsames Paar».

Zum ersten Mal wurde «Ein seltsames Paar» 1965 dem anspruchsvollen Broadway-Publikum gezeigt. In jenen jungen Jahren spielten Männer noch überall lautstark die erste Geige. Danach folgte die Verfilmung – erneut mit überwältigendem Erfolg. Zwei Jahrzehnte später arbeitete der Autor, aufmerksam für den Wind der Veränderung, die Komödie für Frauen um. Humor, Groteske, Ironie und Boshaftigkeit blieben dabei vollständig erhalten.

Geistreiche Unterhaltung gefällt den Menschen. «Ein seltsames Paar» wurde in vielen Ländern immer wieder erfolgreich inszeniert. Auch in der Schweiz kam der Broadway-Hit zu Beginn der Coronavirus-Ära zur rechten Zeit. Das Publikum wartete darauf. Wegen der Quarantäne wurde die Begegnung mehrfach verschoben. Am 24. Juni 2021 versammelte die Premiere schliesslich im «Weissen Wind» im malerischen Zürcher Altstadtquartier ein volles Haus.

NERVENZELLE

Einen Vorhang gab es nicht. Schon vor Beginn der Vorstellung gaben die Bühnenbilder dem Publikum Rätsel auf: Chaos in den Bücherregalen, Abfall auf dem Boden, Kleidung überall – die Unordnung einer Wohnung aus dem vergangenen Jahrhundert. Ein Ölgemälde an der Wand scheint eine Nervenzelle darzustellen. Die Metapher ist unverblümt: Die Sittenkomödie übertreibt menschliche Charakterzüge komisch und einseitig.

Also: New York, Anfang der 1980er-Jahre. Die Nachrichtenredakteurin Olivia (Aleksandra Tumanova) zieht andere Werte der häuslichen Gemütlichkeit vor. Schmutziges Geschirr, eine verendete Maus im Kühlschrank und überschrittene Haltbarkeitsdaten auf Fast-Food-Packungen bringen sie nicht aus der Ruhe. Ironisch und selbstbewusst scheint sie genau zu wissen, was eine fünfunddreissigjährige Frau vom Leben braucht.

Bald zeigt sich, dass die ungewöhnliche Olivia bereit ist, anderen selbstlos zu helfen. So leiht sie ihrem erfolglosen Ex ständig Geld, solange dieser noch nicht fest auf eigenen Beinen steht. Die Repliken der übrigen Figuren helfen, die Lage zu verstehen. Sechs Frauen sind seit der Schulzeit befreundet und verbringen ihre Zeit gern im Durcheinander von Olivias Sechszimmer-Stadtwohnung. Sie vertreiben sich die Freitagabende, tratschen und spielen.

WER, WO, WANN

Im Theater ist alles wichtig. Auch das Quizspiel «Trivial Pursuit» stammt aus jener Zeit. Das Brettspiel prüft Wissen in Geografie, Geschichte, Kunst und Literatur, Naturwissenschaften, Sport und Freizeit. Die Fragen hören nicht nur die Schauspielerinnen, sondern auch die Zuschauer. Damit werden sie von den ersten Minuten an unwillkürlich in ein Spiel um «wer, wo, wann» hineingezogen.

Spielen wir mit: Was geschieht als Nächstes? Salzige und scharfe Scherze bringen das Publikum in die richtige Stimmung, ohne den Kopf zu überladen.

Das Komische folgt seinen eigenen Gesetzen. Indem sie Lachfunken schlägt, lässt die Komödie unerwartet Gegensätze, Hohes und Niedriges, Plus und Minus aufeinanderprallen. Die Psychologie hat nicht ohne Humor bemerkt, dass Unordnung auf eine Depression hindeuten kann – und dass es von steriler Sauberkeit nicht weit bis zur Neurasthenie ist.

Flora ist von Ordnung besessen. Den Balken im eigenen Auge will sie nicht sehen, im fremden erkennt sie jedoch jeden Splitter. Maria Rentsch verkörpert die Absurdität dieser streitsüchtigen Figur mit Geschmack. Eine eigene Würdigung verdient die Verwandlung, wenn die von den lackierten Nägeln bis zu den nervösen Koliken perfekte Flora allein mit sich selbst hingebungsvoll einen wilden, mitreissenden «Mumbo-Jumbo»-Tanz beginnt.

DIE WELT KANN WARTEN

Woher kommt das? Der menschenfressende Stamm «Mumbo-Jumbo» erschien in der russischen Literatur im Roman «Die zwölf Stühle» von Ilf und Petrow im Zusammenhang mit der beschränkten Modefanatikerin Ellotschka, der Menschenfresserin. Dreissig Wörter genügten ihr, um jeden Gedanken auszudrücken. Die amerikanische Modefreundin Flora gehört zu einem anderen Stamm und verfügt über einen reichen Wortschatz. Einen indirekten Eindruck vom Intelligenzquotienten der Heldin vermittelt «Trivial Pursuit».

Ausserdem ist Flora eine Hausfrau der Spitzenklasse. In ihrem perfekten Heim muss alles strammstehen, glänzen und duften und der unermüdlichen Kommandantin von Schwämmen, Lappen, Pfannen und Töpfen salutieren. Sie sind anderer Meinung? Behalten Sie sie für sich – die ganze Welt kann warten!

Moment: Und die reiche innere Welt? Die gleichen Rechte von Mann und Frau? Der rosarote männliche Traum von der idealen Ehefrau? Wischen Sie Ihre kargen Tränen ab. Für den gesunden Menschenverstand sind im Theater gewöhnlich die Raisonneure zuständig. Sie erklären dem Publikum aus der Perspektive des Autors, was gut und was schlecht ist, ermahnen und entlarven nachlässige Helden. Aber nicht heute.

FÜR BEIDE GEHIRNHÄLFTEN

An «Schützt Flora» sind acht Darsteller beteiligt: jeder für sich und alle für einen. Erzählgerüst, Stimmung und Moral entstehen gerade im durchdachten und sorgfältig organisierten Zusammenspiel der verschiedenen Bühnenelemente. Wer begleitet Olivia und Flora?

Da sind die Psychotherapeutin Rita (Polina Podolko), die menschenfreundliche Polizistin Mickey (Anna Magard), die impulsive Motorradfahrerin Renée (Tatiana Bogolepova) und die vernünftige Sylvia (Oksana Borisova). Sie sind bezaubernd. Bis ins Letzte geschliffene Szenen und saftige Repliken halten die Aufmerksamkeit beider Gehirnhälften fest. Mit der Handlung treten markante Charakterzüge immer deutlicher hervor.

Zum Beispiel bei Alex und Martin (Alexander Zhuchkov und Aleksandrs Urs). Zwei Männer in der Blüte ihrer Jahre kommen zu zwei verführerischen Nachbarinnen aus demselben Haus. Olivia ist bereits auf der Jagd, Flora steht mit einem Fuss in der Scheidung. Man lernt sich kennen, redet über dies und das und muss so tun, als denke niemand an Sex. In solch eine peinliche Suppe dürfte fast jeder erwachsene Mensch schon einmal geraten sein. Solche Verwicklungen kitzeln die Nerven.

Das Theater hält dem Publikum einen Spiegel vor, indem es menschliche Vorzüge und Schwächen reflektiert und überzeichnet. Der Zuschauer beginnt mitzufühlen, manchmal sogar gegen den eigenen Willen. Was wird also mit Olivia, Flora und den anderen Figuren geschehen? Wie und warum wird die Geschichte enden? Besuchen Sie die Vorstellungen des russischen Studios von Synthese, fühlen Sie mit und denken Sie selbst.

ATEMBERAUBENDE HAUPTROLLEN

Während Sie sich auf den Weg machen, erzählen wir von Musik und Kostümen. Denn Regisseurin Anjelika Oberholzer-Smirnova hat auch ihnen atemberaubende Hauptrollen zugedacht.

«Schützt Flora» spielt in der Musik wie in einem Bühnenbild. Gewählt wurden dabei nicht die allseits abgespielten ABBA, Boney M. oder Michael Jackson. Der junge Rick Astley mit «Together Forever», Frankie Vallis Falsett in «Can’t Take My Eyes Off You», «Ladies Night» von Kool & The Gang und Kompositionen von Earth, Wind & Fire bewahren das Echo jener Stimmung, als die Bäume noch gross waren und es kein Coronavirus gab.

Und wieder eine Frage: Wann und wo kamen die ersten Diskotheken in Schwung? Richtig: vor einem halben Jahrhundert auf den Bühnen der Nachtclubs von Philadelphia und New York. Die Stammgäste solcher Shows bevorzugten Extravaganz und Sexualität. Hollywood warf rasch Statisten in den Schmelztiegel der Subkultur. Das Discofieber zog munter um die Welt und eroberte Länder und leidenschaftliche Herzen.

Anfang der 1980er-Jahre funkelten Diskotheken auch in der Sowjetunion im Licht der Lichtorgeln. Doch zurück nach Amerika: Was trug man damals? Die Antwort bewahren Stylisten, Museen, Flohmärkte und das Internet. Natürlich ahmen Modebewusste jeder Epoche gern ihre Idole nach. Disco wählte Kontraste, grelle Neonfarben und glänzende, eng anliegende Kleidung aus Lycra, Polyester und Lurex.

RETTET DIE DISCO!

Die schöne Hälfte der Menschheit trug Miniröcke und Minikleider, sexy Shorts und Leggings aus schimmernden Stoffen, nähte weite bodenlange Säume und Overalls; Unisex-Stücke lebten neben raffinierteren Kleidungsstücken. Von Weitem sichtbare Accessoires und umwerfende Schuhe ergänzten das Ensemble. Voluminöse Frisuren wurden aufgetürmt, auffälliges Make-up bemalte die Gesichter.

Und die Männer? Als Schönheitsideal galt ein grosser, beweglicher und schlanker Mann wie John Travolta in «Saturday Night Fever»: schneeweisse Anzüge, eng anliegende Rollkragenpullover, hoch sitzende Gürtel und Hosen, die ab dem Knie ausgestellt waren. Der Disco-Stil loderte frech wie eine lebensbejahende Flamme über der fundamentalen Schwere des Rock. Die üppig kostümierte Aufführung «Schützt Flora» ist dafür ein leuchtender Beweis.

So spielte die Neuinszenierung des russischen Studios des internationalen Theaters Synthese mit der ganzen Leidenschaft eines mitfühlenden Herzens eine luxuriöse, funkelnde Hymne an den Disco-Stil. Die mitreissende Stimmung von vor einem halben Jahrhundert brachte helle Töne in die von dauernder Quarantäne erschöpfte Gegenwart. Und wer weiss – vielleicht ist das sogar eine Vorhersage kommender Modetrends?

NICHT VERPASSEN!

Die alten Hasen werden es bestätigen: Kunst kann in die Zukunft blicken. «Die Menschheit trennt sich lachend von ihrer Vergangenheit», sagte Karl Marx rund hundert Jahre vor Neil Simon – so oder so ähnlich. Abschiede sind dem Menschen gerade deshalb teuer, weil sie neue Begegnungen versprechen. Dazu gehören Begegnungen mit den talentierten Darstellern des internationalen Theaters Synthese, das bereits seine siebzehnte Saison spielte.

Bis zur nächsten Premiere waren es nur noch wenige Tage. Die dystopische Tragikomödie «Die Armseligen» nach dem gleichnamigen Stück von Elena Erpyljova zeigte das russische Studio am 9. und 10. Juli in Uster. Wer in festliches Disco eintauchen und gemeinsam mit den Figuren von «Schützt Flora» lachen wollte, konnte dies im September nachholen.

О постановке «Берегите Флору» — женской версии «Странной парочки» Нила Саймона: аккуратистка Флора и хаотичная Оливия делят квартиру среди диско-костюмов и музыки эпохи. Премьера прошла в разгар пандемии и стала праздником вопреки обстоятельствам.