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Pressestimme · 2021

Ein Mann kommt zu einer Frau. Premiere im Theater Synthese. 2021

Ein Mann kommt zu einer Frau. Premiere im Theater Synthese – Theater Synthese

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Über die Inszenierung

Titanhexe

Jahr
2021
Quelle
Марина Охримовская, forall.swiss, 2 декабря 2021
Original
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Russischer Artikel über die Inszenierung «Titanhexe» von Vlada Olchowskaja.

(Übersetzung aus dem Russischen — Originalsprache des Artikels)

Ein Mann kommt zu einer Frau, weil … Theaterfiguren besitzen ihre eigenen Geschichten. Eine davon wurde kürzlich in Zürich mit grossem Talent erzählt. Anjelika Oberholzer-Smirnova inszenierte im Theaterstudio Synthese «Titanhexe» nach dem Stück von Vlada Olchowskaja und spielte selbst die Hauptrolle.

Haben Sie bemerkt, dass die Geschichten von Theaterfiguren lange vor ihrem ersten Auftritt beginnen?

DAS AUSLÖSENDE EREIGNIS

Hamlets Vater wird noch vor Beginn des Stücks von seinem eigenen Bruder ermordet. Romeo brennt noch nicht vor zärtlicher Leidenschaft für Julia, doch Montagues und Capulets sind bereits Todfeinde. In Gogols «Revisor» haben sich die Beamten längst schamlos bereichert und fürchten sich panisch vor der Justiz – Angst hat grosse Augen.

Dieser wunderbare Kunstgriff heisst auslösendes Ereignis. Er zieht die Feder der Handlung bereits vor dem ersten Bühnenmoment auf, lädt die Figuren mit Gedanken und Gefühlen auf und verleiht der Aufführung Handlungsenergie. Der legendäre Regisseur und Theaterpädagoge Georgi Towstonogow nannte das auslösende Ereignis im vergangenen Jahrhundert die emotionale Stimmgabel einer Inszenierung.

Im Russland des 21. Jahrhunderts wurde der Theaterbegriff Teil des Namens eines unabhängigen internationalen Wettbewerbs für zeitgenössische Dramatik. Gegründet wurde er 2017 von der Regisseurin, Schauspielerin und künstlerischen Leiterin des Moskauer Dramatheaters «Der grosse Bär», Valeria Prichodtschenko.

NEUHEITEN DES 21. JAHRHUNDERTS

In der Jury des Wettbewerbs «Auslösendes Ereignis – 21. Jahrhundert» sitzen Dramatiker, Theaterkritiker, Regisseure und Theaterpädagogen aus Russland und Litauen. Die Schweiz vertritt Anjelika Oberholzer-Smirnova, Gründerin und Leiterin des Theaters und Theaterlabors Synthese. An Talenten fehlt es der Welt nicht: Jährlich werden aus unterschiedlichen Ländern rund vierhundert russischsprachige Stücke eingereicht. Die neuen Texte sind auf der Website des Wettbewerbs zugänglich.

Die Zusammenarbeit zwischen dem Dramatikwettbewerb und dem Schweizer Theater Synthese entwickelt sich erfolgreich. Anfang des Jahres entstand als Ergebnis eines Online-Experiments das Video «Barbette zieht sich an» nach dem Stück von Maria Maluchina. Im Sommer fand in Zürich die Weltpremiere von «Die Armseligen» nach Elena Erpyljovas Dystopie statt.

Die Premiere von «Titanhexe» nach dem gleichnamigen Stück von Vlada Olchowskaja markierte Ende Herbst die Eröffnung des Schweizer Zweigs des Kreativlabors «Lehrstuhl für Dramatik – 21. Jahrhundert» und des Internationalen Wettbewerbs «Auslösendes Ereignis – 21. Jahrhundert».

Wovon erzählte das russische Studio von Synthese am 23. und 24. November auf der Bühne des Weissen Windes?

ROT UND SCHWARZ

Eine Aufführung erlebt man am besten im Theater. Ohne die Spannung zu zerstören, seien einige Striche genannt. Das rot-schwarze Bild der Kammerbühne ist bereits vor Beginn sichtbar. Fünf Schauspieler verkörpern fünf Charaktere, Alla Kiefer liest die Regieanweisungen. Dieses Verfahren weckt und reizt die Fantasie und zieht das Publikum in die Verwicklungen hinein. Warum ist das wichtig?

Weil das auslösende Ereignis dem Ensemble längst bekannt ist, dem Publikum jedoch erst gegen Ende des letzten Aktes offenbart wird. Deshalb setzt das Theater die Sinne mit voller Kraft ein: Die Idee einzufangen verlangt seelische Arbeit. Und nicht nur das. Auf dem Sofa liegt beispielsweise ein roter Teufel. Welche Rolle spielt er? Die Antwort gibt «Titanhexe».

LICHT UND KLANG

Licht und Klang spielen im Theater stets grosse Rollen, auch in «Titanhexe». Musikliebhaber erkennen in einem Fragment das Thema des Konflikts der beiden Veroneser Familien aus Sergei Prokofjews Ballett. Das Tango-Lied «Müde Sonne» aus dem goldenen Schatz der Unterhaltungsmusik zaubert ein Lächeln hervor, Tschaikowskis Walzer aus «Der Nussknacker» lässt das Herz schmerzen. So schwingt die Stimmung bis zu Tränen – obwohl alles mit Lachen begann.

Der Betrüger Viktor (Janis Belevics) wird dazu verurteilt, die Frau mit Behinderung Marta (Anjelika Oberholzer-Smirnova) zu betreuen. Die Beziehung der Hauptfiguren entwickelt sich in zwei Akten von je fünfzig Minuten. Immer wieder entsteht die Illusion, die Handlung vollführe ausserhalb der Bühne einen kosmischen Salto und die Menschen seien nur Statisten im Schauspiel des Alltags – fast wie im Leben.

WORT UND TAT

In «Titanhexe» existieren Wort und Tat scheinbar parallel. Das Publikum erfährt im Passiv, eine harte Strafe sei durch «die Betreuung eines Menschen mit Behinderung» ersetzt worden. Die Geschäftsfrau Katja (Maria Rentsch) erhält Briefe, die für jemand anderen bestimmt sind. Platon (Anton Zherzdev) ist eine besondere Herausforderung für alle, denen ein Tanzpartner fehlt. Die sorgfältig frisierte Tatjana (Aleksandra Tumanova) bewahrt furchtbare Geheimnisse im Schrank – und so weiter.

Wenn die Figuren einander im selben Haus begegnen, erzählen sie über sich und über die anderen. Charaktere und Situationen scheinen unmittelbar aus unserer Gegenwart geschrieben. Wort für Wort werden schwere Steine auf den Seelen sichtbar. Am Höhepunkt entsteht ein paradoxes Bild, in dem niemand recht hat – oder vielleicht doch? Im Hause Marta ist alles durcheinandergeraten.

Während die Figuren überlegen, wie sie weiterleben sollen, kann das Publikum über begrenzte Möglichkeiten nachdenken.

JÄGER UND BEUTE

Die belarussische Schriftstellerin und Dramatikerin Vlada Olchowskaja reichte das Stück 2019 beim Wettbewerb «Auslösendes Ereignis – 21. Jahrhundert» ein. Damals dachte noch niemand an Lockdowns. Inzwischen liegt das Coronavirus in der Luft, und die Pandemie zwingt uns bald im dritten Jahr zu Einschränkungen: die eigene Gesundheit und die Menschen in unserer Nähe zu schützen, das Immunsystem zu stärken, neue Medikamente zu entwickeln, frei zu atmen und mit leichtem Herzen zu leben. Doch kehren wir ins Theater zurück.

Wenn der oberste Regisseur Zufall die Handlung radikal verändert, können sich Bedeutungen neu öffnen. Ein Mensch glaubte, das Ziel erreicht und den Spatz bereits in der Hand zu haben. Plötzlich zeigt sich: Was wichtig erschien, ist unbedeutend; das Ziel war falsch und der geschickte Jäger ist längst selbst zur Beute geworden. Davon handelt «Titanhexe».

Und was haben Sie gesehen?

Verfolgen Sie die interessanten Neuheiten des kommenden Jahres auf der Website des Schweizer Theaters Synthese.

Статья о премьере спектакля «Титановая ведьма» по пьесе Влады Ольховской — режиссёр Анжелика Оберхольцер-Смирнова сама сыграла главную роль. Автор рассказывает о драматургическом приёме «исходное событие» и о международном конкурсе современной драматургии, в жюри которого заседает Оберхольцер-Смирнова.