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Ящерица
Русская статья о спектакле «Ящерица».
(Übersetzung aus dem Russischen — Originalsprache des Artikels)
Das Theater Synthese zeigte in der Schweiz Alexander Wolodins «Die Eidechse». Die deutsche Übersetzung des Stücks stammt von Anjelika Oberholzer-Smirnova, Regisseurin, Choreografin, Gründerin und Leiterin des Theaterstudios Synthese.
Die Geschichte von Synthese begann 2002, als die professionelle Schauspielerin Anjelika Oberholzer-Smirnova in Zug ein Kindertheaterstudio gründete. Zwei Jahre später eröffnete sie in Uster eine internationale Theaterschule. Das Projekt entwickelte sich rasch; in den Produktionen spielten Lernende und professionelle Darsteller gemeinsam. Anjelika war Mitglied des SBKV, Synthese gehörte dem Verband der Schweizer Volkstheater RVA und der Künstlervereinigung ACT an.
Mehr als dreissig Inszenierungen waren bis dahin mit Studio- und Berufsschauspielern entstanden. Das Repertoire reichte von Kinderstücken Samuil Marschaks, Alexei Tolstois und Nikolai Nossows bis zu Werken von Jewgeni Schwarz, William Shakespeare, Molière, Max Frisch, Lessja Ukrajinka, Bruno Kocher, Lutz Hübner und Michel Marc Bouchard.
Alexander Wolodins Name ist Fachleuten gut bekannt, seine Werke werden von vielen geliebt. Zu seinen Stücken gehören «Fünf Abende», «Meine ältere Schwester» und «Von den Liebsten trennt man sich nicht»; er schrieb Drehbücher zu Filmen wie «Es klingelt, öffnet die Tür», «Mütter und Töchter», «Tränen tropften» und «Herbstmarathon». «Die Eidechse» wurde 1981 am Moskauer Majakowski-Theater uraufgeführt.
Die Handlung führt zwölftausend Jahre zurück. Für den Stamm der Wisente sind schwere Zeiten angebrochen. Fisch und Wild bleiben aus, die Hungernden ziehen Gürtel und Felle enger und blicken neidisch auf erfolgreichere Nachbarn. Aus «zuverlässigen Quellen» ist bekannt, dass die Skorpione verbrecherische Pläne schmieden.
Der Mann des Kampfes (Jean-Chris Oberholzer, zugleich Regieassistent) ist überzeugt: Ein Präventivschlag ist dringend nötig. «Stich ihn ins Herz! Stich ihn in den Kopf!»
Doch der Stratege und Stammesälteste (Manfred Vögeli) hat einen Plan und eine Geheimwaffe. Ein Spion soll herausfinden, welche «Netze» und «Bogen» die listigen Skorpione erfunden haben. Nicht nur muss er erfahren, wie diese Innovationen ihr angenehmes Leben sichern, sondern auch die Herstellungsgeheimnisse stehlen – Industriespionage in der Steinzeit.
Dem Volk gefällt die Idee, doch sie ist tödlich gefährlich. Wer opfert sich? «Meine Entscheidung: Wir schicken eine Frau», verkündet der Stammesälteste. «Eine schöne Frau. Besser noch ein junges Mädchen.»
Unter den ausgehungerten Wisenten wird die anmutige junge Eidechse (Shau Leshou) ausgewählt. Die Schöne möchte nicht sterben, doch das Wohl des Stammes steht über allem. Sollte sie umkommen, werde man erzählen, wie verführerisch sie gewesen sei, wie schön ihr Körper, und wie sie all das für die Zukunft des Stammes geopfert habe. Um es ihr leichter zu machen, werde man für sie singen.
Die Kundschafterin wird in ein verführerisches Fell gekleidet und zum Blumenpflücken an den Rand des Landes der Ahnen geschickt. Dort entdeckt sie ein romantischer junger Mann, der Erfinder aus dem Stamm der Skorpione (Mathias Bühlmann), und trägt sie als Beute in sein Haus. Das Publikum erkennt schnell: Diese neue Gesellschaft besitzt eine entwickelte Demokratie. Die Skorpione sind freundlich, tolerant und friedliebend und denken nicht im Traum daran, jemanden anzugreifen.
«Die Eidechse» ist ein Stück über die Liebe – über das zarte, zerbrechliche Gefühl, das uns wie die Frische eines klaren Morgens nach langer Nacht, wie ein leidenschaftliches Sommergewitter oder wie ein nächtlicher Dieb in einer dunklen Gasse überfällt. Eine Liebe, bei der das Herz singt, der Seele Flügel wachsen und es keinen grösseren Lohn zu geben scheint als das Gesicht und die Stimme des geliebten Menschen.
Der Erfinder und die Eidechse sprechen verschiedene Sprachen. Um einander zu verstehen, versuchen sie nicht nur die Laute, sondern den eigentlichen Sinn der Worte zu erfassen: nicht was gesagt wird, sondern warum und mit welchem Ziel.
Haben Sie erlebt, dass ein Gesprächspartner etwas anderes sagt, als er denkt? Selbst in derselben Sprache muss man aufmerksam bleiben, um nicht getäuscht oder selbst für einen Intriganten gehalten zu werden. Und manchmal wird der Ruf gegen den, der in eine andere Richtung geht, anders denkt und «nicht zu uns» gehört, zunächst leise, dann immer lauter und kriegerischer.
«Unbeweglich brennen die Sonnenuntergänge. Die Morgenröte steigt streng empor. Soldaten sind zum Töten bereit und Flüchtlinge zur Flucht.»*
Töte oder täusche. «Die Eidechse» erzählt auch von der Lüge. Die redegewandte Frau (Vanessa Falcone) hat es nicht schwer, jene zu betrügen, die selbst gern getäuscht werden: Im Namen des Stammeswohls gilt die Lüge als heilig. Rechtfertigt die Reinheit des Ziels die Verderbtheit der Mittel? «Mit Füssen, die vom Schmutz des Weges befleckt sind, ist es unwürdig, einen reinen Tempel zu betreten», urteilte Iwan Turgenew hundert Jahre vor Wolodin.
Kenner der menschlichen Seele stellen fest, dass es der Welt heute katastrophal an Vertrauen fehlt. Die Spannung wächst. Das schwarze Loch des Misstrauens vermehrt und erweitert sich, zerstört Raum, Zeit und unsere Seelen. Ein Gespenst des Schreckens wandert zwischen den Menschen. Wir fürchten Verrat, Armut, Repression und Tod. Die Macht hat eine Geheimwaffe gefunden: Angst. Sie versklavt jeden; vor ihr sind alle gleich.
«Gleichheit braucht man nicht. Sie ist überflüssig. Ihr Klugen, schätzt eure Ungleichheit mit den Dummen. Ihr Ehrlichen, seid stolz auf eure Ungleichheit mit den Schurken. Pflaumen, schätzt eure Ungleichheit mit Kirschen! Städte sollen so verschieden sein wie Menschen, Menschen so verschieden wie Städte. Freiheit und Brüderlichkeit. Gleichheit wird es nicht geben. Niemand ist jemals irgendwem gleich.»*
Bei den Skorpionen begegnet die Eidechse einem Überläufer aus ihrem eigenen Stamm, dem Neuen (Ramon Iten). Sie erkennen einander. Sie gesteht, dass viele Wisente gern die Früchte der Zivilisation beim wohlhabenderen Nachbarstamm geniessen würden. Nur ihr war dieses Glück beschieden. Viele glaubten sogar, sie werde aus dem satten, stabilen «Ausland» nicht in die leidende historische Heimat zurückkehren. Doch sie widerspricht: Den eigenen Stamm in Not zu verlassen komme nicht infrage.
Wie es sich für eine gute Inszenierung gehört, werden Netz und Bogen unbedingt «abgefeuert». Durch die Magie des Theaters verwandeln sie sich vor den Augen des Publikums in eine Metapher für Denkweisen und in eine Allegorie der Waffe, die Henker und Opfer gleichermassen trifft.
Unser Leben ist in Privates und Öffentliches geteilt, oft in zwei Gebiete, die sich kaum berühren. Diese Trennung lässt sich auch in der Bühnenlösung verfolgen. Zu den Stärken zählt die Musik: Einzelne Figuren und die Stimmungen ganzer Völker besitzen eigene, klar erkennbare Themen – Angst, Aggression, Wohlstand, Zärtlichkeit und Jubel.
Die Darsteller bewegen sich ungezwungen und organisch in schönen Wildenkostümen; die grafisch präzise Choreografie ist ausdrucksstark. Video-Bühnenbilder verstärken die emotionale Spannung und zeichnen den Eindruck immer wieder neu. Bühnenraum und Bühnenzeit scheinen zu pulsieren und bilden einen zweiten, dritten oder märchenhaft fernen Hintergrund.
Die Theatermagie der Synthese-«Eidechse» ist symbolisch. In neunzig Minuten und zwei Teilen wird eine kleine Geschichte der zerbrechlichen Eidechse und die grosse Geschichte der Menschheit erzählt. Ist das nicht ein und dieselbe Geschichte? Gibt es etwas Wichtigeres als die eigene, ganz persönliche Geschichte? Jeder entscheidet selbst – auch die Eidechse. Wird sie Glück haben?
«Meine Grundidee ist es, die Methoden zu zeigen, mit denen Menschen betäubt und die von der Macht benötigten Helden künstlich geschaffen werden, damit Völker ihnen nacheifern und den Kriegspfad betreten», erklärt Anjelika Oberholzer-Smirnova.
Es war das zweite Stück des russischen Dramatikers Alexander Wolodin auf einer Bühne in Uster. Zuvor hatte Synthese die zugleich sozial scharfe und lyrische Komödie «Zwei Pfeile. Ein Kriminalfall aus der Steinzeit» gezeigt, ebenfalls von Anjelika Oberholzer-Smirnova übersetzt und inszeniert.
13. Juni, 20.00 Uhr: «Wenn ich es nur gewusst hätte …» von Anjelika Oberholzer-Smirnova nach einer Idee von Sabine Lorenz – ein Drama über Gruppendruck und Mobbing in der Schule.
24. Juni, 10.20 Uhr: «Der Raub des Zauberkästchens» von Rosemary Potzinger – ein Komödienmärchen für Kinder ab fünf Jahren, gespielt von der jüngeren Studiogruppe.
Text: Marina Ochrimovskaya
Fotografien: Internationale Theatervereinigung Synthese
*Im Artikel wurden Gedichte von Alexander Wolodin verwendet.
Спектакль «Ящерица» по пьесе Александра Володина (премьера пьесы — Театр им. Маяковского, Москва, 1981) поставлен на русском языке под руководством Анжелики Оберхольцер-Смирновой. Действие — притча о каменном веке: голодное племя Бизонов отправляет девушку по прозвищу Ящерица шпионкой к более благополучному племени Скорпионов, чтобы выведать их секреты, но она влюбляется в юного изобретателя — и история превращается в размышление о манипуляции, доверии и о том, как из обычных людей делают героев ради войны. Спектакль идёт полтора часа в двух действиях, показы прошли в зале «Kreuz» в Устере.