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Theater wie es leibt und lebt
Русская статья о спектакле «Theater wie es leibt und lebt».
(Übersetzung aus dem Russischen — Originalsprache des Artikels)
Das Theater Synthese zeigte in Zürich Lutz Hübners «Gretchen 89ff.». Die schweizerisch-russische Regisseurin Anjelika Oberholzer-Smirnova erklärte dem Publikum, wovon das Theater lebt und atmet. Das Publikum lachte und weinte.
Es war ein streitlustiger Sketch, eine satirische Hymne an das Theater. Mitunter schien mir, Stanislawski und Nemirowitsch-Dantschenko stünden irgendwo in der Nähe und lachten mit gütigen Augen nachsichtig über diesen entzückenden Unfug. Doch näher zum Text, wie Meyerhold sagte.
«Faust», Goethe. Die junge Gretchen betritt ihre ordentliche Kammer. Es ist Abend geworden. In ihren unschuldigen Händen hält sie eine Lampe; das wunderbare Geschöpf bereitet sich auf die Nacht vor.
«Wie ist es in meinem Zimmer so schwül!», ruft die Schöne sehnsüchtig und öffnet mit anmutiger Bewegung das Fenster. Im nächsten Augenblick entdeckt sie das Kästchen. Darin – o Gott! – ist an Schlaf nicht mehr zu denken: Schmuck aus Gold und Silber, Armbänder, Ringe und Halsketten.
Die Szene, in der das Kästchen mit Schätzen vor den Augen eines armen Stadtmädchens erscheint, hält die Erzählung zusammen. Durch ihre immer neue Interpretation geschehen sämtliche Theatermetamorphosen. Hübner schrieb das Stück für zwei Schauspieler; in der Synthese-Fassung spielten sieben. Die Dramaturgie wurde neu formatiert: Gedanken und Bilder blieben scheinbar dieselben, wurden aber anders zusammengesetzt.
Ich frage Anjelika Oberholzer-Smirnova, ob Lutz Hübner dem russischen Publikum nicht wenig bekannt sei. Sie widerspricht: Für ganz Russland könne sie nicht sprechen, doch in der Theaterwelt sei sein Name weit verbreitet. Hübner sei ein zeitgenössischer deutscher Dramatiker und Regisseur, schreibe viel über aktuelle Jugendthemen, seine Stücke würden in viele Sprachen, auch ins Russische, übersetzt. Synthese sei jedoch ein internationales Theater in der Deutschschweiz und spiele auf Deutsch für ein ebenfalls internationales Publikum.
Warum dieses Stück? In der Aufführung spielten Absolventen ihrer Theaterschule. Das Thema habe ihnen gefallen: Der Verlust von Werten in der modernen Kunst sei aktuell, und eine ernste Frage werde als Komödie behandelt. Was könne besser sein, als über sich selbst zu lachen? Das Stück biete achtzehn Grundtypen und damit Auswahl. Bei der Rollenverteilung hätten die Darsteller verschiedene Figuren «anprobieren» können. Die Regisseurin habe gewusst, was zu wem passe, wollte aber, dass jeder selbst erkenne, worin seine Stärke und Natürlichkeit liege.
Wovon lebt die Theaterwelt hinter den Kulissen? Wie verstehen und verkörpern verschiedene Diener Melpomenes – Regisseure und Schauspieler – die «Kästchenszene»? Wie Goethe sie gedacht hatte? Romantisch, widersprüchlich, tragisch, leidenschaftlich oder vulgär? Und was sieht das Publikum?
Der Saal des Theaters Keller 62 war klein und besass keine erhöhte Bühne. Die Zuschauerreihen stiegen wie im Zirkus an; die improvisierte Spielfläche lag zum Greifen nah. Diese Nähe stellte die Darsteller unter harte Bedingungen: Falschheit blieb nicht unbemerkt. Die Szenografie schien auf Sekunden und Millimeter berechnet.
Das Bühnenbild verwendete symbolische Andeutungen. Schwarze und weisse Theatermasken schmückten den scharlachroten Vorhang. Eine Schaufensterpuppe im weissen Kleid mit darübergeworfenem rotem Schal verwies auf Reinheit und Laster. Spiegel, Schminktische, eine rote Serviette, ein schwarzer Mantel, Jeans, ein gestreiftes Kleid, ein orangefarbenes T-Shirt und Turnschuhe – Kleidung unserer Gegenwart. Heisses Rot dominierte und hielt die Aufmerksamkeit wach. Choreografie, klassische Musik, Jazz und Rock sowie Licht- und Klangeffekte weckten Assoziationen.
Wie Springteufel sprangen dynamische, würzige, salzige und gepfefferte Handlungen hervor. Sie reihten sich an der Szene von Seite 89 des «Faust» wie an einem glühenden Spiess auf. In zwei Teilen von je fünfzig Minuten zog eine Reihe beinahe gogolscher Theaterstereotype vorbei: «Götter», Neurastheniker, Freudianer, Anfänger und Stars. Jede Miniatur enthielt einen Konflikt.
Man sollte diese Produktion einmal sehen, statt hundertmal über sie zu lesen. Dennoch einige Striche aus ihrer reichen Palette:
Ein Meister des kommerziellen Tourneetheaters ist bereit, selbst aus Goethe in zwei Wochen ein Kassenspektakel zu kochen. Das Publikum möge kein langsames Tempo; alles müsse sehr schnell gehen, Goethe müsse gekürzt werden. «Faust» sei natürlich veraltet, die Idee aber gut und müsse modernisiert werden. Andere suchen in Goethe die blutende Wunde der Tragödie und den «entblössten Nerv»; die Schauspieler sollen den Urschmerz finden und erbarmungslos ausweiden.
Ein Meisterwerk soll entstehen, eine Diva spielt Gretchen. Bleistift, Notizbuch und Telefon liegen ordentlich wie die Gedanken des Regisseurs auf dem Tisch, doch die Diva verfolgt nur ein Ziel: ihn in den Wahnsinn zu treiben. In den Garderoben stricken Schauspieler Wollschals und Intrigen. Ein Dramaturg will plötzlich als «Schöpfer» glänzen, niemand versteht seine «schönen Regungen», und besonders die Darsteller hindern ihn daran, «Kunst zu machen».
Eine weitere «frische» Idee: Ein junger Mann spielt Gretchen. Ein arbeitsloser Schauspieler hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und würde alles spielen, sogar Gretchen. Der Regisseur sorgt sich um das «Hohe», der Schauspieler um Gage und Steuerersparnis. Werden sie sich einigen? Kritiker machten aus dem alten Goethe einen Heiligen, dabei wissen wir: Goethe ist Sex.
Die Geschichten wechselten, die Gegenstände auf der Bühne wurden weniger, das Bühnenbild wich Charakteren und Sitten. Die Darsteller spielten «Theatermenschen» in schönem Hochdeutsch. Nur der Germanistikstudent, ein gutgläubiger Schweizer Einfaltspinsel, sprach im schönsten Schweizer Dialekt. Solcher Einfälle gab es viele. Die Groteske vervielfachte sich, die Kehrseite des Theaters zeigte sich in ihrer ganzen Pracht. Im Chaos dieser verrückten, stickigen Welt wurde klar: Das Schatzkästchen ist das Theatererbe der Menschheit. Wie gehen wir damit um?
Am Ende rief das Publikum ein rasendes «Bravo!».
Wie viele Regisseure, so viele Meinungen – worin liegt dann die übergeordnete Aufgabe einer Inszenierung? Die Regisseurin versuche, ihre eigene Idee zu verwirklichen, erklärt Anjelika. Diese könne von der Absicht des Autors abweichen. Der Schauspieler löse innerhalb der Logik seiner Figur eine eigene Aufgabe. Die Verbindung mit der Rolle entstehe nicht auf den ersten Blick. In jedem Menschen habe die Natur das ganze Spektrum von Charakteren und Gefühlen angelegt. Bei der Rollenarbeit helfe die Regie behutsam, jene Eigenschaften freizulegen, die das Stück brauche. Eine Theaterfigur werde nicht wie ein neues Kleid übergezogen; sie werde aus der Seele des Schauspielers sorgfältig gezogen und vergrössert, bis das Publikum sie erkenne.
Und nach der Aufführung – kann eine Maske am Gesicht festwachsen? Dies lasse sich auch im Alltag beobachten, nicht nur im Theater. Ein Profi könne Masken auf der Bühne benutzen und sie im wirklichen Leben abnehmen. Das sei eine Grundfertigkeit des Schauspielberufs. Auch in ihrer Schule lernten Darsteller, den «theatralischen Charakterzug» von der eigenen Persönlichkeit zu trennen.
Lutz Hübner verspottete erbarmungslos ein schlampiges, gedankenloses und gefühlloses Spektakel, mechanisch aus «beeindruckendem Farb- und Klangspiel und allem unterhalb der Gürtellinie» gemischt. Er stellte die prahlerische Armseligkeit eines ausgehöhlten Theaters bloss und verpasste ihr schallende Ohrfeigen. Die talentierten Darsteller von Synthese nahmen das Stück als Waffe und zeigten lebendiges Theater voller schöpferischer Energie – ein Theater, das die Welt gerechter und besser macht.
Fotografien: Theater Synthese, Mehrzwecksaal Kreuz, Uster
Text: Marina Ochrimovskaya
Regie und Theaterpädagogik: Anjelika Oberholzer-Smirnova
Regieassistenz: Jean-Chris Oberholzer
Darsteller: Isabel Mayer, Shau Leshou, Roman Iten, Joël Iten, Chiara Gämperle, Jean-Chris Oberholzer und Miriam Hochwasser.
Anjelika Oberholzer-Smirnova studierte Schauspiel am Kiewer Staatlichen Institut für Theaterkunst I. K. Karpenko-Kary und Musical- und Rockoperndarstellung am Leningrader Staatlichen Institut für Theater, Musik und Film. Sie lebte damals seit mehr als zwanzig Jahren in der Schweiz, gründete zunächst ein Kinderstudio in Zug und nach dem Umzug nach Uster 2004 die internationale Theaterschule Synthese. Lernende und professionelle Darsteller spielten gemeinsam. Sie war Mitglied des SBKV; Synthese gehörte dem RVA und der ACT an.
Im Repertoire standen Werke von Alexander Wolodin, Jewgeni Schwarz, William Shakespeare, Molière, Max Frisch, Lessja Ukrajinka, Bruno Kocher, Antoine de Saint-Exupéry und Michel Marc Bouchard sowie Kinderstücke von Samuil Marschak, Alexei Tolstoi und Nikolai Nossow. In der Regel wurde auf Deutsch gespielt. Jede neue Inszenierung erschloss dem Publikum den Reichtum der Theatertradition.
Рецензия на спектакль «Чем дышит и живёт театр» по пьесе Лутца Хюбнера: режиссёр Анжелика Оберхольцер-Смирнова расширила состав с двух до семи актёров и превратила сцену со шкатулкой из «Фауста» в инструмент разоблачения поверхностного, коммерческого театра.